Denken und fühlen

Ein Versuch, mit dem Unbegreiflichen fertig zu werden

Krieg ist ein Verbrechen. Immer und überall.

Solidarität mit leidenden Menschen in der Ukraine und anderswo ist selbstredend, es gehört zu den Grundlagen unserer Menschlichkeit.

Humanitäre Hilfe und die Aufnahme von Flüchtlingen haben heute höchste Priorität.

Die Reaktionen der Menschen sind spontan und entschieden: Friedensdemos, Spenden, die Entsendung von Hilfsgütern und vor allem die fast bedingungslose Aufnahme von Flüchtlingen beweisen einmal mehr die These von Rebecca Solnit, dass der Mensch nicht durch und durch egoistisch ist und nur nach eigenem Vorteil strebt, wie uns Ökonomen in perversen Theorien so gerne weismachen, sondern hilfsbereit und solidarisch (A Paradise Built in Hell, Viking, 2009). Durch die Analyse verschiedener Katastrophen, vom Erdbeben in San Francisco 1906 bis zur Überschwemmung von New Orleans durch den Hurrikan Katrina 2005, zeigt Solnit, wie spontan opferbereit Menschen sind, wenn man sie lässt.

Die Hilfsbereitschaft für die Menschen in der Ukraine ist eindrucksvoll und ehrenhaft – und nicht gemindert durch die berechtigte Frage, warum man nicht ebenso für die Opfer des mit “unseren”, d.h. europäischen und amerikanischen Waffen seit sieben Jahren geführten Krieges im Jemen einsteht. Saudi Arabien boykottieren, weil es ein Nachbarland in die Steinzeit bombardiert? Darüber denkt keiner nach. Schade.

Macht mich diese Frage zum Nörgler? Wann stehen denn Menschen aus dem nahen Osten, aus Asien oder aus Afrika jemals oben auf der Dringlichkeitsliste? Einige Journalisten wurden dabei ertappt, rassistisch zu argumentieren: Ukrainer wären Europäer. Also schützenswerter, weil sie weiß sind? (Auszüge bei Trevor Noah: Trevor Noah Calls out Media Racism Das ist entwürdigend, gerade wegen der ehrlichen Solidarität so vieler Europäer.

Wäre jetzt nicht der Moment, systemisch zu denken? Sich zu überlegen, was grundlegend falsch läuft? “Die disruptive Kraft von Katastrophen … vermag alte Ordnungen zu stürzen und neue Möglichkeiten zu eröffnen.” (Solnit op.cit. s. 16, meine Übersetzung). Klappt das aber immer? Die Katastrophe der Covid-19 Pandemie brachte zahlreiche Forderungen nach einem Neustart. Es müsse alles anders werden, versicherten kluge Köpfe. Doch die etablierten Kräfte setzten und setzen alles daran, damit alles bei der bestehenden, für sie so profitablen Ordnung bleibt. Dass jetzt die Bekämpfung des Klimawandels einmal mehr in die Warteschleife kommt, beachten nur die wenigsten – es gibt heute Dringlicheres. Wie schnell lagen die tot geglaubten Kohle- und Atomkraftwerke wieder auf dem Verhandlungstisch!

Die Pandemie war und ist für die Industriegesellschaft eine moderne, neuartige Katastrophe (auch wenn wir einiges von Pest-Epidemien der Vergangenheit oder der so genannten Spanischer Grippe lernen konnten). Der von Russland ausgelöste Krieg ist eine Katastrophe, die uns zurückwirft zu den Anfängen des 20. Jahrhundert. Der Historiker Christopher Clark nannte sein meisterhaftes Buch Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog (München 2013). Ich blättere jetzt wieder darin und lese Auszüge – und kriege Angst. Können wir, die angeblich so zivilisierten Nationen des alten Europas, so blind wie damals in einen Krieg ziehen, der uns nur auslöschen kann? Wenn ich höre, wie leichtfertig sich Kommentatoren über die Möglichkeiten eines Atomkrieges auslassen, vertieft sich meine Angst.

Ich freue mich über die Reaktion der Menschen, habe aber gleichzeitig Angst wegen der Aktionen der Politik und Wut über die Einseitigkeit der Informationen, die uns aufgetischt werden. Auf einige Apsekte, die uns vorenthalten werden, komme ich zurück. Zunächst aber zu den Emotionen: Freude und Angst sind ohne Zweifel wichtig. Aber sind sie heute die besten Ratgeber?

Sollten wir nicht mal dem kühlen Denken den Vortritt lassen? Unsere Gefühle für einen Augenblick zügeln? In einer übermäßig emotionalisierten Debatte, in der Journalismus von krass zur Schau gestellter Betroffenheit zur reinen Meinungsmache oder gar Propaganda verkümmert, ist es dringend notwendig, die Emotionen zu bremsen. Ich möchte nicht jeden Abend vor dem Fernseher das Gefühl kriegen, ich könne nur noch weinen. Zumindest nicht nur. Ich möchte auch verstehen.

Ich kann nicht anders, als die Trauer über das Leid jetzt zu zügeln und zu fragen, wie es zu diesem Krieg kommen konnte. “Putin ist böse” mag sein, aber es genügt mir nicht als analytische Aussage.

“Ja, aber” in die Debatte einzuführen heißt nicht, den Krieg zu entschuldigen. Ebenso wenig bedeutet verstehen rechtfertigen, wie so unsäglich dumme Begriffe wie “Putin-Versteher” implizieren (dazu Gabriele Krone-Schmalz schon 2015:

„Putin war in seiner ersten Amtszeit eine Chance für Europa“ | artour | MDR / 13.03.2015

Zum Betroffenheits-Journalismus, bei dem es vor allem darum geht, die eigene Emotionen, sich selbst also und die eigene Bedeutung, in den Vordergrund zu rücken, gesellt sich der “Haltungs-Journalismus”. Ob Künstler, Journalist oder Politiker, jede und jeder wird dazu aufgefordert, im Konflikt Stellung zu beziehen und jegliches Verständnis für Putin abzuschwören. Wenn ich nicht lauthals “Putin ist böse” schreie, bin ich nicht mehr würdig, an dieser Debatte teilzunehmen. Riskiere ich jetzt den Pranger?

Ich will aber nicht. Wem hilft das? Ich weigere mich, gebetsmühlenartig “Putin ist ein Mörder” zu rufen und mich in hirnlose Trance zu versetzen. Auch wenn ich dadurch Gefahr laufe, Freunde zu verlieren. Dabei will ich hier auf keinen Fall “Lösungen” auftischen, ich maße mir gewiss nicht an, einen Weg aus dem Schlamassel vorzeigen zu wollen. Ich möchte nur ein paar Fragen stellen, über die ich nachdenke und ein paar Kolleginnen und Kollegen zitieren, die sich tatsächlich auskennen, aber kaum noch Gehör finden und als “umstritten” oder gar “Putin-Versteher” verunglimpft und möglichst aus der Debatte ausgeschaltet werden.

Politik und Medien im Westen versuchen, unser Denkvermögen einzugrenzen. Das ist gefährlich und deshalb schlimmer noch als die offenkundige Zensur in Russland. Die erkennt man sofort.

Wir aber merken nicht, wie uns geschieht. Auch bekannte Fakten (etwa Entführungen durch die CIA, Folter in Guantanamo oder Friedensnobelpreisträger Obamas gezielte Hinrichtungen durch Drohnen) werden ohne Kontext und Zusammenhang “kognitiv unsichtbar”. Das ist aber keine Relativierung für das, was in der Ukraine geschieht. Das Übel ist immer und überall dasselbe. Wenn solche Fragen aber ohne Kontext und im Gegensatz zum herrschenden Narrativ von gut gegen böse auftauchen, dann können wir sie nicht einordnen, nicht systemisch analysieren und daraus Konsequenzen ziehen. Wir sind “die Guten” und nehmen den Schmutz auf der eigenen Weste nicht mehr wahr (Dazu Rainer Mausfeld, div. Vorträge auf YouTube und sein Buch: Warum schweigen die Lämmer? Link Verlag).

Wenn Politik und Medien nur noch pausenlos und ohne Analyse das Leid der Frauen und Kinder oder die Bösartigkeit Putins präsentieren, dann werden wir wehrlos. Das offensichtliche und durch nichts zu entschuldigende Leid wird dazu missbraucht, um unser Denkvermögen zu vernebeln . “Ich denke, also bin ich Feind” – soll das die Grundlage der modernen Demokratie sein?

Einmal mehr: Das Leid der Opfer ist durch nichts zu rechtfertigen und muss dokumentiert werden. Abzug aller angreifenden Truppen ist der einzige Ausweg aus diesem Krieg. Und eine Neuordnung der europäischen Sicherheitsarchitektur. Das aber kann nur Diplomatie erreichen. Waffenlieferungen an die Ukraine verlängern diesen Krieg und erhöhen das Leid der Ukrainer. Wir schreien zwar lauthals gegen Putin, zögern aber schon, höhere Energiepreise zu riskieren. Die Ukrainer sind längst Spielfiguren in einem geostrategischen Schach, das sie nicht kontrollieren können. Und wie sollen wir dieses Spiel verstehen, wenn uns die Informationen dazu von den Leitmedien vorenthalten werden? So werden wir tatsächlich zu Schlafwandlern.

* * *

Dabei war doch alles vorauszusehen, dieser Krieg kam mit Vorankündigung. Putin-Kenner Hubert Seipel schreibt im letzten Absatz seines zweiten Buches über den russischen Machthaber (Putins Macht, Hoffmann und Campe, 2021): “Ohne Russland wird es keine Aufarbeitung der Vergangenheit geben. Europa wird da stehen bleiben, wo wir schon nach dem Ersten Weltkrieg standen – in den Schützengräben. Der Krieg der Erinnerung anstelle der Erinnerung an die Kriege garantiert nur eines: Krieg”.

Nun ist Seipel kein Wahrsager. Er ist ein erfahrener, mit zahlreichen Preisen ausgezeichneter Journalist. Die Warnung in seinem Buch ist keine Prophezeiung, sondern das Ergebnis von Recherche und Analyse. Da steht Seipel nicht alleine.

Pulitzer-Preisträger Chris Hedges etwa war langjähriger Korrespondent der New York Times mit Kriegserfahrung in El Salvador oder dem Nahen Osten. Er berichtete aus Osteuropa zu einer Zeit, als wir alle glaubten und hofften, nun sei echter Friede möglich. Hedges ahnte, was kommen könnte: “Wir alle, die 1989 aus Osteuropa berichteten, wussten, welche Konsequenzen es haben würde, Russland zu provozieren. Aber nur wenige erhoben ihre Stimme, um dem Wahnsinn Einhalt zu gebieten. Die systematischen Schritte in Richtung Krieg erhielten ein Eigenleben und führten uns wie Schlafwandler in Richtung Katastrophe.” (engl. Chronicles of a War Foretold)

Auch Chris Hedges ist weder Wahrsager noch Prophet. Man muss auch kein Star-Journalist sein, um zu erkennen, was hier ablief und abläuft. Man braucht nur ein wenig an der Oberfläche zu schürfen, um Gold zu finden. Solche Recherchen sind jeder und jedem zugänglich. Warum machen das die Leitmedien nicht? Das Schweigen der Lämmer?

Oberst Douglas Macgregor, ehemaliger Berater des US-Verteidigungsministers, zeigt sich nicht überrascht durch den Krieg: “Putin setzt um, wovor er uns seit mindestens 15 Jahren gewarnt hat: Er wird keine US-Truppen oder deren Raketen an seinen Grenzen tolerieren. Ebenso wenig wie wir Russische Truppen und Raketen in Kuba tolerieren würden.” Der US-Offizier beklagt auf dem rechten Sender Fox News dass die USA zwar auf keinen Fall eingreifen wollen, die Ukrainer aber durch Waffenlieferungen zum sterben anspornen in einem sinnlosen Krieg, den sie nicht gewinnen können. Auch die Befürchtungen, Russland werde immer weiter nach Westen vordringen, sieht Macgregor als Propaganda: “Wir unterstellen Putin Sachen, die er nicht beabsichtigt in der Absicht, ihn und sein Land zu verteufeln.” (Video Interview auf Fox).

Nun ist Macgregor nicht unumstritten – er wurde von der Trump Regierung ins Amt gerufen und wurde schon kritisiert, weil er dem Russischen Staatssender RT Interviews gab (was der führende Intellektuelle der USA Noam Chomksy übrigens auch tat). Das macht seine Aussage nicht minder richtig. US-Raketen auf Kuba? Da gab’s doch was…. lassen wir also die ad hominem Argumente, die rhetorischen Nebelkerzen, die durch den Angriff auf eine Person dessen möglicherweise richtige Aussage entkräften sollen. Ist zwar heute Alltag des Journalismus, sollten wir aber abbauen.

Wir brauchen im Grunde auch keinen US-Offizier. Gregor Gysi fasste das Problem schon im März 2014 klar zusammen in einer Antwort auf die Regierungserklärung von Kanzlerin Merkel: “Der Westen muss die legitimen Sicherheitsinteressen Russlands auf der Krim anerkennen …. Es muss ein Status für die Krim gefunden werden, mit dem die Ukraine, Russland und wir leben können. Russland garantiert werden, dass die Ukraine nicht Mitglied der NATO wird. Die Perspektive der Ukraine liegt in einer Brückenfunktion zwischen EU und Russland. Es muss in der Ukraine ein Prozess der Verständigung und Versöhnung zwischen Ost und West eingeleitet werden … Was ich der EU und der NATO vorwerfe: Bis heute ist kein Verhältnis zu Russland gesucht und gefunden worden…. Sicherheit in Europa gibt es weder ohne noch gegen Russland, sondern nur mit Russland…

Gregor Gysi im Bundestag

Nun hat Gysi diese Worte der Vernunft kürzlich entkräftet, indem er angesichts der Russischen Invasion “alles vorher gesagte” für ungültig erklärte. Das macht seine Analyse von 2014 nicht schlechter.

Gabriele Krone-Schmalz war 1987 bis 1991 Korrespondentin der ARD in Moskau. Schon vor fünf Jahren warnte sie vor der Gefahr der Eskalation zwischen Russland und der NATO in ihrem Buch Eiszeit (C.H. Beck, 2017). Untertitel: “Wie Russland dämonisiert wird und warum das so gefährlich ist.”

Wie das negative Putin-Bild geschaffen und angefeuert wird beschreibt Hubert Seipel in seinem Buch über den Russischen Präsidenten: Putin: Innenansicht der Macht (Hoffmann und Campe, 2015). “Putin…steht im Westen unter Generalverdacht, nur Übles im Schilde zu führen. Die deutschen Leitmedien arbeiten sich seit Jahren an ihm ab… Sie vergessen dabei meistens, dass er durchaus von der Mehrheit der Russen mehrmals gewählt wurde.” (op. cit. s. 14).

Die Journalistinnen und Journalisten, die sich weitab der Leitmedien bemühen, zu beobachten und zu erklären anstatt zu verurteilen und zu hetzen, setzen ihren Analysen immer eine klare Distanzierung voran (wie ich das hier auch getan habe): Ob The Intercept aus den USA, der Infosperber aus der Schweiz, die deutschen Nachdenkseiten oder individuelle Kommentatoren wie Craig Murray (ehemaliger britischer Botschafter in Usbekistan, der wegen seiner klaren Haltung gegen Menschenrechtsverletzungen aus dem Dienst hinaus geekelt wurde) – alle stellen erst einmal fest, dass der Krieg durch nichts zu rechtfertigen ist und sofort gestoppt werden muss.

Die von uns, die gegen die illegale Invasion des Irak waren, müssen jetzt gegen die illegale Invasion der Ukraine sein,” versichert Craig Murray. “Ohne Uno-Mandat einen Krieg zu führen, um ein Regime zu stürzen ist illegal.” Gleichzeitig “habe ich großes Verständnis für die Sorgen Russlands wegen der Einkreisung durch die NATO und die Stationierung von Raketen.” (How the War can End)

Ein Unrecht kann kein anderes rechtfertigen. Man kann aber nicht lauthals “Unrecht” plärren und sich als “Guten” aufspielen und dabei die eigenen völkerrechtlich kriminellen Handlungen ignorieren: Irak, Kosovo, Libyen. Jeden Tag klagen die Medien über “die Absichten” der Russen, sie “könnten bombardieren wie in Grosny und Aleppo”. Die Bilder sind der reinste Horror. Zum verwechseln ähnliche Bilder aus Sirte in Libyen nach der Bombardierung durch NATO-Mächte oder das von US-Invasionstruppen gestürmte Falludscha im Irak sieht man nicht. Man beklagt den möglichen Einsatz von neuartigen, vielleicht illegalen russischen Waffen, vergisst aber den Einsatz von Uranmunition im Irak und im Kosovo (Netzfrauen Blog und Infosperber Beitrag). Zurecht beklagen wir zivile Opfer. Zynisch verbuchen wir aber seit Jahren die immer zahlreicheren zivilen Opfer als Kollateralschäden. Millionen Opfer werden so ihrer Humanität beraubt (dazu Mintpress News, engl.)

Sogar bei wirtschaftlichen Kriegen werden die Leidtragenden auf diese Weise wegrationalisiert, wie bei den Sanktionen gegen den Irak (Artikel von Friedensforum). Es mag ein Patzer gewesen sein, als die UNO-Botschafterin und später Außenministerin der USA Madeleine Albright meinte, 500’000 tote Kinder im Irak hätten “sich gelohnt” – aber es war eine entlarvende Fehlleistung (von fair.org, engl.). Schon seit Jahren weiß man, dass sich in Kriegen das Verhältnis zwischen toten Soldaten und toten Zivilisten umgedreht hat: Schon 2003 befand die Organisation Save the Children, dass 90 Prozent der Opfer Zivilisten seien. Im 1. Weltkrieg waren 90 Prozent Soldaten (Artikel Der Standard). Das soll nun nichts entschuldigen, natürlich ist der Aggressor in erster Linie Schuld – aber immer und nicht nur, wenn er Russe ist.

Ich habe mich beruflich 30 Jahre lang mit Lateinamerika befasst und bin entsprechend sensibilisiert, was Putsche, mörderische Verschwörungen und offene Interventionen durch die USA angeht. Ein vollständiges Bild über die Untaten der Imperialen Macht gibt der leider früh verstorbene Kollege Armin Wertz in seinem Buch Die Weltbeherrscher (Verlagslink). Ich notiere das hier als Hintergrundinformation.

Denn die Kernfrage ist jetzt: wie kann man den Krieg stoppen? Natürlich muss sich der Aggressor Russland zurückziehen. Die Forderung wird von allen kritischen Medien gestellt. Die fragen im Gegensatz zu den meisten Leitmedien aber auch nach dem Werdegang dieses Krieges. Nur, wenn wir den verstehen, können wir von unseren Politikern auch konstruktive Maßnahmen verlangen. An stelle der Scheuklappen der sogenannten “Bündnistreue” sollten klare Analysen treten. Anstatt über angebliche „imperiale Absichten“ Putins zu grölen, sollte man sich sachlich mit den Zielen Russlands aber auch mit denen der NATO und deren oberste Herren in Washington auseinandersetzen.

Peter Hitchens von der konservativen britischen Tageszeitung Daily Mail nennt die Stimmungsmache, die heute in so vielen Medien Information ersetzt, einen “Karneval der Hypokrisie.” Denn er “sah vor 12 Jahren, was auf uns zukommt.” (I saw what was coming)

Die Amerikanische Journalistin Diana Johnstone vergleicht den Umgang des Westens mit Russland mit der offenbar am Hof von Königin Elisabeth I. beliebten Bärenhetze. Da wurden Hunde auf einen Bären getrieben, der sich natürlich wehrte. Das blutige Spektakel machte dem Hof offenbar riesig Spaß (US Foreign Policy is a Cruel Sport auch deutsch: Nachdenkseiten). “Während einer Generation,” so Johnstone, “haben sich Russische Führer sehr bemüht um eine friedliche Partnerschaft mit dem Westen… Sie glaubten wirklich, dass das Ende des kalten Krieges eine friedliche europäische Nachbarschaft erlauben würde. Aber arrogante US-Führer zogen es trotz gegenteiliger Meinungen ihrer Berater vor, Russland nicht als große Nation sondern als geplagten Bären im Zirkus zu behandeln.”

Das bestätigt der ehemalige US-Botschafter in Moskau (1987 – 1991) Jack Matlock: “Präsident Putins Ziele sind die, die er erklärt und seit seiner Rede an der Sicherheitskonferenz in München 2007 wiederholt. Zusammenfassend würde ich sagen: Behandelt uns mit einem Minimum an Respekt. Wir bedrohen weder euch noch eure Alliierten. Warum verwehrt ihr uns die Sicherheit, die ihr für euch fordert?” Die Aufnahme neuer NATO Mitglieder, die das militärische Bündnis bis an die Grenzen Russlands vorantrieb, bezeichnet Matlock als “größten Fehler seit dem Ende des Kalten Krieges.” Crisis Should Have Been Avoided

Für den langjährigen Konflikt in der Ukraine (was nicht heißt für den Krieg heute) sieht Matlock vor allem die Verantwortung der Ukraine, die nie die Absicht hatte, die so mühsam mit Beteiligung von Frankreich und Deutschland ausgehandelten Minsker Verträge einzuhalten (dazu Seipel, Putins Macht, s. 105 ff).

Wenn wir anerkennen, dass Russland nicht von einem Irren geführt wird, der ein globales Reich anstrebt; wenn wir anerkennen, dass Russland als Staat und Putin als Politiker stark provoziert wurden, dann muss doch die Frage folgen, warum handelten seine Gegner so? Der einzige ausschlaggebende Gegenspieler hier ist auch die einzige Macht, die tatsächlich ein den Globus umspannendes Reich bildet und den Willen, Führungsmacht der Welt zu sein, unverhohlen zum Ausdruck bringt. Mit über 800 Militärstützpunkten hat sie auch die brachiale Kraft, ein Imperium zu sein: die Vereinigten Staaten von Amerika.

Und was die USA in Europa wollen ist so sehr bekannt, dass es erstaunlich ist, wie sehr diese Absichten von den Leitmedien ignoriert werden. „Bündnistreue“ bis hin in die Redaktionsstuben?

Am klarsten sagte es Geostratege, Sicherheitsberater und Publizist George Friedman im März 2015 vor dem Chicago Council on Global Affairs: “Deutschland und Russland sind vereint die einzige Macht, die uns bedrohen kann. Unser Hauptinteresse war sicherzustellen, dass dieser Fall nicht eintritt…” Auszug mit deutschem Kommentar, auch Link zum gesamten Vortrag Englisch:Video

Diesen Vortrag sollte sich Annalena Baerbock jeden Abend vor dem Schlafengehen anschauen. Die kalte Rationalität des Geostrategen ist erschreckend. “Es gibt kein Europa” meint er etwa. Es gibt bei uns offenbar nur Schachfiguren, die von den USA nach Belieben manipuliert werden. Die USA können nicht ganz Europa dominieren, also brauchen sie Konflikte, immer wieder. Das einzige, wovor das US-Imperium Angst hat, ist ein mächtiges, vereintes Europa – ein Europa mit Russland.

Die scharfsinnige Kommentatorin Caitlin Johnstone aus Australien nennt die Ukraine “Opfer auf dem Imperialen Schachbrett”. Und sie beklagt das “selbstgerechte Posieren der westlichen Medien und Politiker über die Notwendigkeit, Waffen an die Ukraine zu liefern, um Leben zu retten (das kann nur ein Waffenstillstand). Es zielt darauf… die geostrategischen Interessen Russlands zu schädigen.” (Ukraine is a Sacrificial Pawn)Das gelang den USA schon mal: Der einstige Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski prahlte einst, er habe “Russland in Afghanistan in ihr eigenes Vietnam gelockt.” (in: The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives, 2016). Der Vorwurf ist keineswegs an den Haaren herbei gezogen: “Über Pläne der US-Regierung, die Ukraine zu einem neuen Afghanistan für Russland zu machen, berichtete die Washington Post bereits im letzten Dezember…” schreibt Jens Berger. “Es ging nie darum, einen Krieg in der Ukraine zu verhindern. Man wollte Russland eine Falle stellen und der russische Bär ist in diese Falle getappt.” (Was ist das Ziel des Westens?)

Klarer noch als die Erklärungen von einzelnen Politikern ist eine Studie der Rand Corporation, laut Wikipedia “ein Think Tank in den USA, der nach Ende des Zweiten Weltkriegs gegründet wurde, um die Streitkräfte der USA zu beraten.” Der Titel dieser Studie sagt schon alles: “Russland überfordern und aus dem Gleichgewicht bringen.” (Rand-Papier)

 

*   *   *

Wer sucht, findet endlos Beispiele. Die Papiere stapeln sich auf meinem Tisch und meine Suchmaschine trifft und trifft und trifft…. es gibt keinen Grund, keine Ausrede, um sich mit Einseitigkeit zu begnügen. Ich möchte diesen Versuch, mit dem Unbegreiflichen fertig zu werden, mit drei Zitaten abschließen:

 

Rafael Poch-de-Feliu war zur Zeit Gorbatschows jahrelang Korrespondent von “La Vanguardia(Barcelona) in Moskau. Ich zitiere aus seinem Blog (meine Übersetzung):

Der Krieg Russlands in der Ukraine folgt dem Drehbuch der Aggressionskriege der letzten Jahre. Acht Jahre Bombardierungen und Verletzungen des Waffenstillstandes im Donbas rechtfertigen die russische Invasion und russische Bombardierungen nicht…

Bombardieren, erobern und Regierungen austauschen sind Verbrechen, die wir im Westen gut kennen, das praktizieren wir seit 200 Jahren…

In der Ukraine gibt es, oder es gab sie, einen Teil der öffentlichen Meinung, der bessere Beziehungen zu Russland wünschte, oder Neutralität an Stelle eines NATO-Beitritts. Der größte Teil dieser öffentlichen Meinung fand sich im Bogen von Charkow im Nordosten bis nach Odessa im Südwesten. Aber alles deutet darauf hin, dass diese Meinungen in den ersten 48 Stunden nach der Invasion verflogen sind.

Russland leidet unter seinem imperialen Niedergang genauso wie seine imperialen Rivalen und muss dadurch in Konflikt geraten mit jenen, die es in Europa in die Ecke getrieben haben. (Hacia una quiebra en Rusia)

Rafael Poch-de-Feliu hat eine grundlegende Studie zum Ende der Sowjetunion geschrieben: La gran transición. Rusia 1985-2002, ed. Crítica Barcelona, 2003)

 

Peter Wahl, Mitbegründer von Attac:

Einer der vielen verhängnisvollen Effekte von Krieg ist die Emotionalisierung des politischen Klimas und der Diskurse in den betroffenen Gesellschaften. Das ist ein uraltes Phänomen. Krieg teilt die Welt in Feind und Freund und mobilisiert massenhaft affektive Reaktionen. Empörung, Wut, Hass, Vernichtungsphantasien etc. erfassen die kollektive Psyche. Ressentiments und Feindbilder werden von der Kette gelassen und wachsen ins Monströse.

Das reicht bis in Teile der politischen Führungsmilieus hinein, etwa wenn Annalena Baerbock Russland ruinieren möchte, oder US-Senatoren Russland „wirtschaftlich niederringen wollen.“ (FAZ, 28.2.2022; S. 7). Sicher lassen sich in Russland entsprechende Counterparts finden.

Die Eruption der Affekte findet sich spiegelbildlich in den jeweiligen Lagern, und vertieft damit das Ausmaß und die Unerbittlichkeit der wechselseitigen Feindbilder. Die Stimmung in der Bevölkerung, die sprichwörtliche „Kampfmoral“, wird Teil der Ressourcen für die Kriegführung. (Die Thukydides Falle)

 

Hubert Seipel, Journalist und Putin-Biograph:

Ich kann mit der Vorstellung wenig anfangen, die da sagt: Wer unsere Position in Zweifel zieht, ist ein Verräter und arbeitet für den Gegner. Das größte Problem im Leben ist die Realität, hat ein englischer Analytiker geschrieben. Und die tut weh, aber deswegen dürfen Sie sich nicht ausschließlich in Empörung verlieren, weil Sie sich auf der richtigen Seite glauben. (Die Konflikte werden noch sehr lange dauern)

 

4 Gedanken zu “Denken und fühlen

  1. Seit der Putin-Rede vor dem Start des brutalen Krieges gegen die Ukraine sind die Rückgriffe auf die früheren Erzählungen zu NATO-Osterweiterung und dergleichen hinfällig geworden. Die Kriege im Vorfeld und Nordstream 2 dienen Putin zur Umsetzung seiner Machtfantasien. Er errichtet ein Terror-Regime in Russland. Das lässt sich mit gar nichts erklären, außer mit dem Machtwillen von Putin. Alles weitere ist die Neusprech-Erzählung des russischen Präsidenten. Ich bin auf mich sauer, dass ich lange genug der Leimspur der Putin-Versteher gefolgt bin.

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    • Schade. In der Geschichte ist nichts hinfällig. Was Gregor Gysi 2014 sagte (hier zitiert) ist heute genauso gültig wie damals. Verstehen ist nicht rechtfertigen. Nichts entschuldigt diesen Krieg. Aber alles auf den Machtwillen eines Einzelnen zu reduzieren ist zu einfach. Zahlreiche Akademiker, Diplomaten und Politiker versuchen zu analysieren und zu erklären. Ich habe versucht, ein paar Sachen zusammenzutragen. Das alles als Neusprech oder gar Leimspur abzutun, bringt gar nichts. Schade.

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  2. Der dritte Weltkrieg
    Ebenso wie der erste und der zweite wird auch der dritte Weltkrieg primär in Europa stattfinden. Die Vorbereitungen für den dritten Weltkrieg laufen bereits seit vielen Jahren auf Hochtouren.
    Der erste Beleg: Seit Jahrzehnten drängen die USA ihre NATO-Verbünde­ten dazu, ihren Rüstungsetat zu erhöhen. Dies er­folgt selbstverständlich nur mit den allerbesten Ab­sichten.
    Der zweite Beleg: Die USA drücken und schie­ben die Panzer und Raketen der NATO-Armeen seit 1989 jedes Jahr immer weiter nach Osten. Und schon bald werden sie unmittelbar vor der russi­schen Haustür stehen. Zweifellos und ganz gewiss nur zur Siche­rung des Friedens.
    Der dritte Beleg: Anstatt sich deeskalierend und ver­mittelnd zum Russland-Ukrai­ne-Konflikt zu verhal­ten, liefern die NATO-Staaten Waffen und andere Rüs­tungsgüter für vielen Milliar­den Dollar in die Uk­raine. Denn Eines wissen die Generäle der NATO-Armeen und die Lob­byisten der Rüstungskonzerne ganz ge­nau: um den Frieden in Europa zu erhalten, muß man sehr viel Massenvernichtungsmittel und ande­res Kriegsgerät an Russlands Grenze brin­gen. Und das meinen auch unsere Politiker:innen. Ohne große Diskussion be­willigen sie nahezu Alles. Und das ist auch gut so, denn für den Frieden sollte uns keine Rakete, kein Kampf­stoff, keine Drohne und keine Bombe zu teuer sein.
    Und? Was sagt uns das? Nun, das ist ganz ein­fach: der lange geplante dritte Weltkrieg findet nicht ir­gendwann in fer­ner Zukunft statt; nein, er hat bereits be­gonnen. Nur hat´s bisher kaum jemand bemerkt.

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    • Eine sehr pessimistische Sicht, aber leider allzu wahrscheinlich.
      Kann man das noch stoppen? Und wie?
      Die USA wissen ganz genau was sie tun, sie sind die Profiteure.
      In Europa regiert eine Generation von niveaulosen Politikern, die gar nicht merken, das sie zu Vasallen der USA geworden sind.
      Wir brauchen eine Europäische Friedenspolitik. Erinnert Macron mal dran, dass er kürzlich die NATO „hirntot“ nannte. Die USA haben das labile Gleichgewicht der „mutual assured destruction“, das uns einige Jahrzehnte lang ein Gefühl der Sicherheit bot, systematisch hintertrieben. Wie das funktionierte beschreibt der ex-US-Offizier und UNO Waffeninspekteur vor dem illegalen Angriffskrieg gegen den Irak Scott Ritter in diesem Video – es ist sehr lang, der Kernpunkt ist in der zweiten Stunde: 02:00:00, etwa eine Viertelstunde lang: https://www.youtube.com/watch?v=OSkpIq3T-Zc&t=2s
      Neben den niveaulosen Politikern sehe ich leider auch fast nur noch niveaulose Medien, die uns mit Scheuklappen Richtung Krieg treiben. Jede andere Meinung wird als „Verschwörungstheorie“ abgetan, die AutorInnen werden als „Putin-Versteher“ verachtet.
      Die These vom schon angefangenen Dritten Weltkrieg halte ich leider für nicht bei den Haaren herbei gezogen. Der Spanische Bürgerkrieg war auch eine Stellvertreter Krieg des Faschismus gegen die Sowjetunion, wobei die „liberalen Demokratien“ dieselbe elende Rolle spielten wie heute: nichts tun und hoffen, dass man hinterher irgendwie Vorteil daraus gewinnen kann.
      Nichts entschuldigt den russischen Überfall auf die Ukraine. Er ist unentschuldbar, auch wenn man den Hergang verstehen kann. Der Krieg läuft schon seit 8 Jahren im Donbass, von den 14’000 Toten dort hat die Armee der Ukraine 80% verursacht (laut UNO-Daten). Es wurden Schulen, Krankenhäuser und Wohnviertel ohne Rücksicht bombardiert. Wo blieb der Aufschrei?
      Ach ja, die Opfer waren ja „nur“ ukrainische Russen.

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